Mai 2026Do  20:00
28

Festival LIEDBasel

Liedrezital „It’s raining women“ mit Annette Dasch und Wolfram Rieger

LIEDBasel | Paul Sacher Saal

Lieder von Robert Schumann, Dora Pejačević, Viktor Ullmann, Kaija Saariaho, Régine Poldowski u.a.

Datum und Ort

Donnerstag, 28. Mai 2026
20.00 Uhr
Musik- und Kulturzentrum Don Bosco, Paul Sacher Saal

 

Tickets

Mitwirkende

Annette Dasch, Sopran
Wolfram Rieger, Klavier

 

Beschreibung

Robert Schumann (1810–56)
Frauenliebe und Leben op. 42 (1840) (Adelbert von Chamisso)

Nr. 1 Seit ich ihn gesehen
Nr. 2 Er, der Herrlichste von allen
Nr. 3 Ich kann‘s nicht fassen, nicht glauben
Nr. 4 Du Ring an meinem Finger
Nr. 5 Helft mir, ihr Schwestern
Nr. 6 Süßer Freund, du blickest
Nr. 7 An meinem Herzen, an meiner Brust
Nr. 8 Nun hast du mir den ersten Schmerz getan

Viktor Ullmann (1898–1944)
aus Six Sonnets de Louïze Labé op. 34 (1941)

Nr. 1 Claire Vénus
Nr. 2 On voit mourir
Nr. 4 Luth, compagnon
Nr. 5 Baise m‘encore

Manfred Praeker (1951–2012)
Unbeschreiblich weiblich (1978) (Nina Hagen)

Kaija Saariaho (1952–2023)
Nr. 2 pleut (1986) (Guillaume Apollinaire)

Régine Poldowski (1879–1932)
L‘heure exquise (1913) (Paul Verlaine)

Lili Boulanger (1893–1918)
Si tout ceci n‘est qu‘un pauvre rève (1914) (Francis Jammes)

Pauline Viardot-García (1821–1910)
In der Frühe (1870) (Eduard Mörike)

Louise Hériette-Viardot (1841–1918)
Saphiren sind die Augen dein (1900) (Heinrich Heine)

Dora Pejačević (1885–1923)
7 Lieder op. 23 (1907) (Wilhelmine Wickenburg Almásy)

Nr. 1 Sicheres Merkmal
Nr. 2 Es hat gleich einem Diebe
Nr. 3 Taut erst Blauveilchen
Nr. 4 Es jagen sich Mond und Sonne
Nr. 5 Du bist der helle Frühlingsmorgen
Nr. 6 In den Blättern wühlt
Nr. 7 Es war einmal

***
Zum Programm

Tousiours suis mal, viuant discrettement,
Et ne me puis donner contentement,
Si hors de moy ne fay quelque saillie. 

Ich halt mich ja so mühsam in mir ein
und lebe nur und komme nur zu Freude,
wenn ich, aus mir ausbrechend, mich vergeude.

Louïze Labé (1524–1566)

Der Musikwissenschaftler und Komponist Marius Flothius stellte 1975 folgende ketzerische Frage: «Wer schreibt einen neuen Text zu Schumanns Op. 42?» Er bestand auf ein sinnhaftes Verhältnis zwischen Musik und Realität und attestierte Adelbert von Chamissos Vorlage für Schumanns Frauenliebe und Leben eine schleichende Entfremdung vom realen Leben bis zur vollständigen Loslösung. Hatten, ihm zufolge, die Gedichte zur Zeit ihrer Entstehung der Erfahrungswelt entsprochen – etwa der Liebe Clara Wiecks zu ihrem Angebeteten –, so sei es 1975 längst nicht mehr zeitgemäss, Frauengestalten zum marionettenhaften Sprachrohr männlicher Obsessionen zu degradieren. Der Widerspruch zwischen Ethik und Ästhetik sei intolerabel, und das bereits vor einem halben Jahrhundert, als Frauen sogar in der Schweiz das Wahlrecht errungen hatten.
Braucht es einen neuen Text, oder reicht schon eine neue Lektüre? Der übertriebene Überschwang, die blinde Hingabe, der affektierte Pathos muten heute ungewollt komisch an. Ist die aus der Zeit gefallene Männerfantasie noch zu retten, oder sollte man derartige Machwerke aus dem Verkehr ziehen? Ein kleiner Unterschied zwischen der literarischen Vorlage und der Vertonung erlaubt es, das Werk einer ironischen Lektüre zu unterziehen.
Hier die Geschichte: eine raketenhafte Love-Story mündet in Ehe, ein schnelles Kind krönt die Verbindung. Der «Herrlichste von Allen» lässt sich sieben Lieder lang stumm wie ein Fisch die grenzenlose Bewunderung der Frau gefallen, dann fällt er unvermittelt tot um. War er krank, wurde er im Krieg getötet, ist er vom Pferd gestürzt, wurde er vergiftet? Wenn ja, von wem? Die Frau drückt im achten und letzten Lied ein bühnenreifes Tränchen aus, kaum fällt dieses zu Boden hören wir die Akkorde der Einleitung des ersten Liedes. Alles fängt von vorne an. Im Handumdrehen verwandelt sich die junge in eine schwarze Witwe.
Schumann liess nämlich das letzte Gedicht des Zyklus‘ weg, in dem die vergreiste Protagonistin ihrer Enkelin in Liebesdingen empfiehlt, ihr nachzueifern, was die Andeutung der zyklischen Wiederkehr um zwei Generationen nach hinten verschoben hätte. Bei Schumann kann die junge Frau stattdessen weiterleben und -lieben. Wenn man bedenkt, wie häufig Frauen auf der Opernbühne jener Epoche grundlos sterben mussten, finde ich diese Variante durchaus reizvoll. Ob diese Interpretation tatsächlich Schumanns Absicht entspricht, sei jedoch dahingestellt.
Der Briefwechsel des Ehepaars Schumann und die Biografie Claras beweisen, dass sie ihrem notorisch empfindlichen Mann in Sachen Tüchtigkeit, Realitätssinn und Zähigkeit überlegen war. Sie war auch die bessere Pianistin, womit er zeitlebens Mühe hatte.
Clara eröffnet, ohne in Erscheinung zu treten, den heutigen Frauenregen, denn auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass Dichter und Komponist das Werk von Clara oder einer anderen Frau auf die Plausibilität der dargestellten Gefühle hin überprüfen liessen – der Wunsch mag hier der Vater des Gedankens gewesen sein –, imaginierten sie eine gefühlsstarke Frau, die den Mann überlebt. Und im Endeffekt lacht, wer zuletzt lacht, am besten.
Wohltuend werden wir durch das Werk der französischen Dichterin Louïze Labé (1524–66), die älteste Dame aus dem Reigen, für Chamissos holzschnittartige Dichtung entschädigt. Labé war eine Ausnahmeerscheinung ihrer Epoche, welche die perspektivische Schieflage des Beginns dieses Konzerts zurechtbiegt. Besser gesagt tut sie es gemeinsam mit dem Komponisten Viktor Ullmann vierhändig. Denn auch Ullmann war eine Ausnahmeerscheinung. Beide erlitten systematische Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion oder ihrer Überzeugungen, trotzten ihrem Schicksal jedoch mit den Mitteln einer von humanistischer Güte und verbindlicher Selbstbehauptung geprägten Kunst. Eine bürgerliche Frau im 16. Jahrhundert hatte wenig Spielraum und ein Mann wie Ullmann im Kontext des Nationalsozialismus‘ kein Entkommen. Die jüdische Familie war zwar konvertiert, er wurde aber aktiver Freimaurer und bekennender Anthroposoph, beides führte zur Vergasung im KZ. Die selbstbewusste Dichterin schrieb mit Offenheit und eleganter Intensität über ihre Liebe und ihr Begehren, bekenntnishaft vertauscht sie die Rollen von Mann und Frau aus der petrakistischen Konvention, hier liebt die Frau aktiv, der Mann bleibt distanciert. Obwohl die Lieder von Viktor Ullman fast 400 Jahre nach ihrem Tod komponiert wurden, scheint mir über die Zeiten hinweg eine kongeniale Verbindung entstanden zu sein. Labés Sonette zählen mit Recht zum Gipfel der Dichtung in französischer Sprache. Ullmann umhüllt sie mit schillernder Sprödigkeit, wie ein paillettenbestickter Umhang glänzt und kratzt seine Musik. Expressiv, explosiv, subtil kubistisch und dennoch fasslich bekleidet Ullmann die raffinierten Sonette.
Nina Hagen gelingt im Anschluss, halb schreiend halb jodelnd, der Befreiungsschlag, die Verweigerung der Pflicht von Frauen gegenüber Männern und Gesellschaft, ohne den Verzicht auf unbeschreibliche Weiblichkeit: die Bühne ist nun frei für sechs Komponistinnen und eine Dichterin, sie «rocken» das restliche Konzert mit Bravour!
Die Biografien der Komponistinnen umspannen gut zwei Jahrhunderte: von Pauline Viardots Geburt 1821 bis zum Tod von Kaija Saariaho 2023. Ihre Vertonung von Guillaume Appolinaires Lied «Il pleut» – Dreh- und Angelpunkt des Konzertes – erfordert von der Sängerin höchste Präzision, denn das Klavier gibt keinen Halt. Es ist das abstrakteste und konziseste, konstruierteste und einfachste Werk des Programms: Das autistische Klavier – von einer Begleitung kann hier nicht die Rede sein –, fällt von der Höchsten bis zur tiefsten Taste, chromatisch herab, monoton, staccatto-scharf, unerbittlich, wie ein nervtötender, tropfender Wasserhahn. Es ahmt die Schreibweise des Gedichtes von Apollinaire nach. Seine Calligrammes – Poéme de la paix et de la guèrre (1913–16, Druck 1918) aus dem «Il pleut» stammt, sind als Bildgedichte aufgeschrieben, die Aspekte der Dichtungen graphisch nachahmen. In «Il pleut» wurden die Buchstaben in vier absteigenden, leicht bogenartigen Linien mit der Schreibmaschine getippt. Der erste Vers des Gedichtes – «Il pleut voix de femmes», «Es regnet Frauenstimmen» – scheint im Titel des Konzertes auf.
Genauso wie der Regen sich nie gleicht, vom Nieselregen bis zur Sintflut, zeigt dieses Konzert, dass Komponistinnen sehr unterschiedlich vorgehen. Die folgenden fünf einzelnen Lieder sind ein buntes Bouquet verschiedener Kompositionstechniken, Appetizer, die sie Neugierig auf mehr machen wollen auf fünf ausgezeichnete Komponistinnen, die miteinander vielfach verbunden waren: Pauline Viardot war die Mutter von Luise Héritte-Viardot, die wiederum über die Vermittlung Clara Schumanns an das Frankfurter Hoch‘sche Konservatorium kam. Das Leben von Lili Boulanger, die jüngere Schwester der berühmten Nadia Boulanger, der ersten Kompositionsprofessorin am Pariser Conservatoire war von einer unheilbaren Krankheit gezeichnet. Diese brachte sie nicht davon ab, die kurze Zeit, die ihr blieb, der Komposition und der Wohltätigkeit zu widmen.
Einige Gedichte wurden auch von Männern vertont. Die Komponistinnen haben den Vergleich nicht gescheut, vielleicht auch gesucht, um zu beweisen, dass sie es mit ihren männlichen Kollegen problemlos aufnehmen konnten. Vergleichen sie sonst «L‘heure exquise» von Reynaldo Hahn mit der Version von Régine Poldowsky oder die vielen Vertonungen von Mörikes Gedicht «In der Frühe» mit der Fassung von Pauline Viardot.
War der Anfang des Abends fest in Männerhänden, so übernehmen zwei Frauen den Abschluss: Dora Pejačević vertont Gedichte von Wilhelmine Wickenburg Almásy und beendet leichtfüssig und gut gelaunt den Abend.
Unsere Komponistinnen hatten Glück, ihre Familien haben sie gefördert, sie in einer Welt, die Frauen geringschätzte, ernst genommen, ihrer künstlerische Persona Raum gegönnt. Sonst wären sie, wie die Mehrheit der Frauen in der Geschichte, stumm geblieben wie ein Fisch.

Christina Urchueguía

Cristina Urchueguía ist eine spanische Musikwissenschaftlerin, Professorin am Institut für Musikwissenschaft der Universität Bern und Präsidentin der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft. Sie wurde in der nordspanischen Stadt Irún geboren, ihr Name stammt aus dem Baskischen. An der Julius-Maximilians-Universität Würzburg studierte sie Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Romanische Philologie und promovierte dort 1999. Sie war Präsidentin der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften, ist Mitglied der Répertoire International des Sources Musicales und Mitherausgeberin der Schweizer Beiträge zur Musikforschung (Bärenreiter-Verlag).

Das LIEDRezital wird unterstützt vom Swisslos-Fonds Basel-Stadt.